Jemand fährt Ihnen im Verkehr knapp vor die Nase. Erster Impuls: „So ein Rüpel." Zwei Sekunden später sehen Sie im Vorbeifahren ein Kind auf dem Rücksitz und einen Vater, der offensichtlich völlig erschöpft und in Eile ist. Und schon verändert sich das ganze Bild, aus dem Rüpel wird ein gestresster Mensch, der einen schlechten Tag hat. Nichts an der Situation selbst hat sich geändert. Nur die Geschichte, die Sie sich dazu erzählen. Genau darum geht es, wenn von Wohlwollen in Beziehungen die Rede ist, nicht nur in der Partnerschaft, sondern in jeder Form von Beziehung: zum Kollegen, zur Nachbarin, zum Elternteil, zur Freundin, zum Fremden im Straßenverkehr. Es geht um die Geschichte, die man sich über das Verhalten des anderen erzählt, bevor man überhaupt ein Wort gewechselt hat.

Der Denkfehler, der fast jeder Mensch macht

Die Sozialpsychologie hat für diesen Mechanismus einen eigenen Namen: den fundamentalen Attributionsfehler, beschrieben vom Psychologen Lee Ross in den 1970er-Jahren. Gemeint ist die auffällige Neigung, das Verhalten anderer Menschen mit deren Charakter zu erklären – „er ist eben rücksichtslos", „sie ist einfach kalt" – während man das eigene Verhalten fast immer mit der Situation entschuldigt: „Ich war unfreundlich, weil ich im Stress war." Interessanterweise gilt dieser Denkfehler nicht für positives Verhalten – wenn jemand nett ist, halten wir das seltener für dessen grundlegenden Charakter, sondern eher für einen Zufallstreffer. Die schlechte Nachricht: Dieser Fehler passiert praktisch jedem, quasi automatisch, weil das Gehirn Geschichten mit klaren Bösewichten schneller verarbeitet als komplizierte Erklärungen mit vielen Variablen. Die gute Nachricht: Genau, weil man diesen Mechanismus kennt, kann man ihn bewusst unterbrechen.

Wohlwollen ist eine Entscheidung, kein Gefühl

Ein verbreitetes Missverständnis ist, Wohlwollen sei etwas, das man entweder spontan empfindet oder eben nicht, so wie Verliebtheit oder Appetit. Tatsächlich ist Wohlwollen in Beziehungen viel eher eine wiederholte Entscheidung: die bewusste Wahl, bei mehrdeutigem Verhalten zunächst die freundlichere, nicht die bedrohlichere Interpretation anzunehmen. Man kann sich das wie eine Weiche im Kopf vorstellen, die bei jeder unklaren Situation neu gestellt wird. Stellt man sie automatisch auf „der andere meint es böse", fährt der ganze restliche Zug, Ärger, Rückzug, Gegenangriff, in diese Richtung los, bevor man überhaupt geprüft hat, ob die Weiche richtig stand.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, jedes Verhalten schönzureden. Es bedeutet nur, die erste Deutung nicht mit der Wahrheit zu verwechseln. Zwischen „Was ist tatsächlich passiert?" und „Was bedeutet das über den Charakter dieses Menschen?" liegt fast immer mehr Raum, als der erste Impuls zugibt.

Die Übung mit dem Nachbarn, der nie grüßt

Ein einfaches Beispiel aus dem Alltag: der Nachbar, der nie grüßt. Die unwohlwollende Version lautet: „Was für ein arroganter Mensch." Die wohlwollende Version lautet nicht zwingend „Was für ein herzensguter Mensch" – das wäre naiv –, sondern eher: „Ich weiß eigentlich gar nicht, warum er nicht grüßt. Vielleicht ist er schüchtern, vielleicht schlecht gelaunt, vielleicht hat er mich einfach nicht bemerkt." Diese zweite Version ist nicht netter aus reiner Höflichkeit – sie ist schlicht ehrlicher, weil sie zugibt, dass man die wahren Gründe eines anderen Menschen so gut wie nie vollständig kennt. Wohlwollen ist insofern auch eine Form von intellektueller Redlichkeit: das Eingeständnis, dass man nicht alles weiß, kombiniert mit der Entscheidung, die Lücke nicht automatisch mit dem schlimmsten Fall zu füllen.

Grenzen: Kann Wohlwollen Absolution erteilen?

Wohlwollen bedeutet nicht, wiederholt schädigendes Verhalten zu entschuldigen oder ständig die Verantwortung für das Verhalten anderer zu übernehmen. Der wohlwollende Blick gilt zunächst der Deutung eines Verhaltens, nicht einem Freibrief dafür, sich alles gefallen zu lassen. Wer wohlwollend interpretiert und trotzdem klar Grenzen zieht, hat verstanden, worum es geht. 

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