Stellen Sie sich vor, ein guter Freund kommt zu Ihnen und erzählt, dass er heute im Meeting einen Fehler gemacht hat. Was sagen Sie ihm? Vermutlich so etwas wie: "Ach, das kann jedem passieren, du bist doch trotzdem gut in deinem Job." Jetzt stellen Sie sich vor, Sie machen selbst diesen Fehler. Was sagt die Stimme in Ihrem Kopf? Bei den meisten Menschen ist das eine ganz andere Stimme, eine, die deutlich weniger nett ist und die man einem echten Freund niemals an den Kopf werfen würde. "Typisch. Das wird nie was mit dir."

Willkommen im seltsamsten Freundschaftsverhältnis der Welt: dem zu sich selbst

Wohlwollen denken wir meistens nach außen. Man ist wohlwollend zum Nachbarn, zur Kollegin, vielleicht sogar zum Menschen, der einem an der Kasse die Vorfahrt nimmt. Der schwierigste Fall aber, und gleichzeitig der wichtigste, ist der wohlwollende Blick auf sich selbst. Und der ist keine nette Zusatzoption für besonders entspannte Menschen. Er ist die Wurzel, aus der jedes andere Wohlwollen wächst. Wer sich selbst ständig kritisiert, wird dieses Muster früher oder später auch bei anderen anwenden, meist ohne es zu merken.

Der innere Kritiker hat Nachsicht

Die Forschung zum Thema Selbstmitgefühl (bekannt vor allem durch die Psychologin Kristin Neff) hat herausgearbeitet, was einen wohlwollenden Umgang mit sich selbst eigentlich ausmacht: Man begegnet sich selbst freundlich statt richtend, man erinnert sich daran, dass Fehler und Schwäche zum Menschsein dazugehören und einen nicht von anderen isolieren, und man nimmt schwierige Gefühle wahr, ohne sich komplett darin zu verlieren. Klingt erstmal nach Wellness-Kalenderspruch. Ist es aber nicht. Der Körper unterscheidet kaum zwischen einem inneren Kritiker, der einem drei Stunden lang vorhält, wie man die E-Mail hätte anders formulieren sollen, und einem echten Säbelzahntiger vor der Höhle. Beides löst Stress aus. Nur bleibt der innere Tiger meistens länger sitzen, weil man ihn ja überallhin mitnimmt.

Was der Körper dazu sagt

Und hier wird es für alle interessant, die gerne wissen wollen, warum das keine Kopfsache allein ist. Chronische Selbstkritik hält das Nervensystem in einer Art Daueralarm, der sogenannte Sympathikus, zuständig für Kampf oder Flucht, bleibt aktiv, obwohl gar kein Tiger da ist, sondern nur eine verschusselte E-Mail. Wer sich dagegen wohlwollend zuwendet, und das kann tatsächlich so banal sein wie eine Hand aufs Herz zu legen und innerlich langsamer zu sprechen, kann messbar den sogenannten Vagustonus anheben, also den Teil des Nervensystems aktivieren, der für Entspannung und Erholung zuständig ist. Studien deuten außerdem darauf hin, dass Menschen mit höherem Selbstmitgefühl unter Stress niedrigere Cortisol-Werte zeigen, wobei dieser Effekt nicht in allen Studien gleich stark ausfällt, die Datenlage ist vielversprechend, aber, wissenschaftlich redlich gesagt, noch nicht in Stein gemeißelt.

Gesundheit ist auch eine Beziehung — zu sich selbst

Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky hat vor Jahrzehnten eine einfache, aber folgenreiche Frage gestellt: Warum fragen wir immer, was krank macht, und viel seltener, was gesund erhält? Seine Antwort dreht sich um das sogenannte Kohärenzgefühl — das Erleben, dass die Welt, und man selbst, verstehbar, handhabbar und sinnhaft macht.

Wohlwollen ist so etwas wie die emotionale Grundierung dieses Gefühls. Ein wohlwollender Blick auf ein Symptom fragt "Was will mir das sagen?" statt "Was ist jetzt schon wieder kaputt an mir?". Und ein wohlwollender innerer Chef erlaubt es einem, sich auch mal Hilfe zu holen, ohne das als persönliche Niederlage zu verbuchen.

Und jetzt mal ehrlich: Wo hört das Wohlwollen auf?

Ein Text, der nur "sei nett zu dir" sagt, wäre nicht ganz ehrlich. Wohlwollen ist keine Generalabsolution. Es bedeutet nicht, sich für destruktives Verhalten selbst auf die Schulter zu klopfen ("Ich bin halt so, da kann man nichts machen"), und es ersetzt keine notwendige Disziplin oder therapeutische Konsequenz. Es bedeutet auch nicht, Symptome zu ignorieren, sondern sie mit Neugier statt mit Angst zu betrachten.

Am Ende ist Wohlwollen sich selbst gegenüber vielleicht das Einzige, das man wirklich rund um die Uhr zur Verfügung hat. Der eine Mitbewohner, den man nie loswird. Man kann also auch gleich versuchen, gut mit ihm auszukommen.

Die Vorteile eines wohlwollenden Blicks auf sich selbst reichen auch in die körperliche Ebene hinein: Ein entspannterer Umgang mit sich selbst geht häufig mit weniger stressbedingter Anspannung, ruhigerem Schlaf und einem stabileren Umgang mit Rückschlägen einher, schlicht, weil weniger Energie in Selbstkritik und mehr Energie in Regeneration fließt.

*Quellen (Auswahl):* Kristin Neff, Forschung zu Selbstmitgefühl (Self and Identity, 2003); Aaron Antonovsky, Konzept der Salutogenese (1979/1987); Stephen Porges, Polyvagal-Theorie (2011); Studien zu Selbstmitgefühl und Cortisol-Reaktivität (u. a. Breines et al., 2014, mit uneinheitlichen Replikationsergebnissen in neueren Studien). Aussagen zur Kinesiologie beruhen auf eigener klinischer Praxiserfahrung.

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